Es wird Zeit für einen neuen Eintrag!
Hallo, jetzt ist es doch schon wieder ein Monat her, dass ich hier etwas geschrieben habe! Das liegt einfach daran, dass ich nie Motivation, Zeit oder die nötige Ruhe gehabt habe. Hier ist eben auch Alltag eingekehrt und ihr wisst ja, wie schwierig das ist eine zusätzliche Tätigkeit neben dem Alltag her weiterzuführen.
Da ich euch aber nicht vorenthalten will, wie es mir so geht, poste ich hier einfach mal den 2. Zwischenbericht, den ich an meine Organisation verfasst habe. Ich hoffe, ich kann euch so einen guten Einblick geben!
Cotoca, 3. März 2013
Hallo ihr Lieben!
Kaum zu glauben! Es ist Halbzeit meines Freiwilligendienstes hier im Hogar Teresa de los Andes und wohl wieder (höchste Zeit) für einen Zwischenbericht von mir.
Was sind die neuesten Entwicklungen in meinem Leben hier in Bolivien und was hat sich verändert in den letzten drei Monaten? Eigentlich nicht viel, wenn man genauer darüber nachdenkt, aber vielleicht genau durch diesen Fakt hat sich das Gefühl bei mir eingestellt, dass ich angekommen bin und mehr oder weniger Alltag in meinem Leben eingekehrt ist. Das heißt geistig bin ich momentan einfach sehr weit von Deutschland entfernt, mag es an Freundschaften liegen, die sich hier neu aufgetan haben, oder auch an den alltäglichen Problemen, die eben auch zu einem Alltag gehören und die einen beschäftigt halten.
In meiner Arbeit im Hogar haben sich nur einige Kleinigkeiten verändert. Nach wie vor arbeite ich im hauptsächlich im Hospital des Hogars.
Leider hat sich die Belegschaft nochmal völlig verändert, das Personalmanagement im Hogar für mich komplett nicht nachvollziehbar so wie viele Entscheidungen der Heimleitung. Zum einem haben die beiden jungen Ärztinnen, die im Hospital arbeiteten, ihr Studium abgeschlossen und somit zum Ende des vergangenen Jahres das Hogar verlassen. Etwas, was ich persönlich sehr schade fand, da ich gut mit den beiden auskam und immer gute Gespräche mit ihnen führen konnte. Zu meiner Überraschung wurden die Stellen von den beiden nicht neu besetzt, sondern unbesetzt gelassen, sodass nun nur noch eine Ärztin vormittags im Hospital anwesend ist und das auch nur montags bis freitags. Über die
Expertise und auch vor allem über die Motivation der genannten Ärztin lässt sich meiner Meinung nach auch streiten.
Aber auch meine unmittelbaren Kolleginnen wurden in andere Abteilungen versetzt, eigentlich immer ohne oder wegen nichtiger Gründe. Das hatte zur Folge, dass ich mich wieder an neue Kollegen gewöhnen musste und ich als Freiwilliger (!) die neuen Arbeiterinnen einweisen musste. Aber weil die Arbeit im Hospital doch nicht so ganz leicht ist und man doch eine gewisse Übung und Erfahrung braucht, um sich adäquat um die Kinder zu kümmern (die wie im ersten Bericht berichtet teils sehr Behinderungen haben) resultierte der ständige Wechsel der Belegschaft darin, dass ein Kind mit Osteoporose einen Leistenbruch erlitt, wahrscheinlich ausgelöst durch die unsanfte Behandlung der neuen Arbeitskräfte. Das wäre meiner Meinung vermeidbar gewesen, wenn man seitens der Leitung ein bisschen weiter vorausschauen würde. Inzwischen verstehe ich mich mit meinen Kollegen aber ebenso gut, wie mit den vorherigen.
Für deutsche Verhältnisse ebenfalls nicht nachvollziehbar ist die Handhabung der Gehaltszahlungen an die Mitarbeiter. Eigentlich wäre das Gehalt jede 15 Tage in Bargeld fällig, normalerweise verzögert sich die Zahlung jedoch immer um einige Tage, diesen Monat zehn Tage. Für die Mitarbeiterinnen, die Familien zu versorgen haben und keine Ersparnisse haben, eine mittlere Katastrophe. Angeblich hatte das Hogar selbst Geldnöte, jedoch zeigt meiner Meinung nach das Verhalten der Heimleitung nur allzu deutlich, dass die einfachen Arbeiterinnen einfach ganz unten in der Hierarchie stehen und auf deren Belange überhaupt nicht eingegangen wird. Aber natürlich lässt sich auch nicht der Fakt verleugnen, dass einfach hier sehr viel Geld fehlt.
Während ich bisher vormittags immer in der Phonoaudiologia geholfen habe, diese Arbeit aber nie als befriedigend empfunden habe, habe ich selbstständig zur Zahnärztin gewechselt und helfe ihr seit einigen Wochen. Eine Arbeit, die meiner Meinung nach sehr viel sinnvoller ist, da die Zahnärztin ohne eine Person, die Kinder festhält und fixiert, die mit einer Behandlung nicht einverstanden sind, völlig aufgeschmissen ist und diese Kinder eigentlich gar nicht behandeln kann. Sozusagen bin ich nun in die Rolle der Zahnarzthelferin geschlupft, zum Beispiel hole ich die Kinder von ihren Pabellones ab, reiche Instrumente, sauge den Speichel ab. Etwas, was mir eigentlich ziemlich zusagt, weil es bedeutend abwechslungsreicher ist als stundenlang Gesichter zu massieren, ohne einen Effekt zu sehen. Ansonsten habe ich meinen Tagesablauf aber nicht verändert.
Durch den Wechsel komme ich auf noch mehr Stunden als bisher. Normalerweise arbeite ich von sieben Uhr bis ein Uhr, mit einer halben Stunde Pause. Nach einer Stunde Mittagspause geht es dann weiter, von zwei Uhr bis sechs Uhr, wieder mit einer halben Stunde Pause. Vor allem auch durch die körperliche Arbeit also ein anstrengender Tag, aber ich arbeite gerne. Am Samstag arbeite ich weiterhin bis zum Mittag. Ich komme also auf weitaus mehr Stunden, die im Vertrag so genannt werden.
Da die Mitarbeiter aber mitbekommen haben, dass ich mich vor keiner Arbeit drücke und gerne auch noch mal ein bisschen länger helfe, wird das auch gerne ausgenützt. Verbunden mit der Heimleitung, die sich wirklich nicht gut um ihre Freiwillige kümmert, hat das bisweilen bei mir für Frustration gesorgt in den letzten Wochen. Es kam schon so weit, dass der Hausmeister, der am Sonntag im Hospital aushelfen sollte, also mein freier Tag im Hospital, am Morgen um sieben Uhr an der Tür geklopft hat und mit einer schlechten Arbeit mir meine Arbeit aufgedrückt hat.
Leider bin ich nicht gut im Nein sagen, sodass ich mich einmal überreden lassen habe. Ab und zu wird die, für meinen Geschmack eh viel zu kurze Mittagspause, unsanft unterbrochen.
Allgemein wissen die Leute hier nur allzu gut, wie man die netten Freiwilligen ausnützt. Dazu passt auch der Fakt, dass aus unserem Zimmer unsere beiden Kameras verschwunden sind, davor waren auch schon bisweilen Lebensmittel aus unserem Kühlschrank verschwunden sind, den wir leider nicht in einen abschließbaren Raum stellen können. Ich habe den Nachtwächter im Verdacht, der wohl die Chance genutzt hat, als wir nachts unterwegs waren und einmal unser Zimmer nicht abgesperrt hatten, und lange Finger gemacht hat. Komischerweise kann er sich seitdem auch haufenweise Zigaretten leisten, aber natürlich gibt es keinen Beweis dafür. Das sind Dinge, die das Wohlbefinden nicht gerade fördern.
Ein weiter Aspekt auf den ich unbedingt noch eingehen muss, ist unsere Beziehung zur Heimleitung, die eigentlich nicht existiert und, wenn wir doch einmal Kontakt haben sollten, grausig ist. Ein Problem, das uns beschäftigt, ist der Fakt, dass wir ständig von einem Zimmer im Hogar in ein anderes Zimmer umziehen müssen. Mit nunmehr vier Umzügen in sechs Monaten sorgt das für Unmut. Vor allem, dass sich natürlich keiner dazu berufen gefühlt hat uns beim Möbelschleppen in der prallen Sonne zu helfen. Momentan „hausen“ wir zusammen in einem Zimmer in der ehemaligen Bäckerei des Hogars, das leider eine undichte Decke hat und nachts hört man leider verdächtige Krabbelgeräusche, was ich einfach nicht ganz in Ordnung finde, wenn man bedenkt, dass ich hart arbeite, viel Zeit opfere und mir wirklich Mühe gebe.
Ein anderes Problem ist der Fakt, dass der Hermano darauf besteht, dass wir um zehn Uhr abends immer wieder im Hogar zurück sind, mit der Begründung, dass er für uns verantwortlich ist. Abgesehen davon, dass ich noch nicht viel von seiner Verantwortung gegenüber uns gemerkt habe, reichen vier Stunden Freizeit pro Tag einfach nicht aus. Beispielsweise haben wir einmal pro Woche schon immer Spanischkurs bis zehn Uhr in Santa Cruz, was es uns unmöglich macht pünktlich zu kommen. Es kam vor, dass wir nur eine halbe Stunde zu spät kamen, und der Nachtwächter uns nicht mehr in das Hogar lassen wollte und uns eine halbe Stunde draußen warten ließ. Da alle Dialogversuche gescheitert sind, steigen wir nun immer an einer abgelegenen Stelle über die Mauer, sollten wir mal ausgehen und später zurückkommen. Natürlich keine gute Lösung, aber es scheint einfach aussichtslos einen Kompromiss mit dem Hermano zu finden. Das merkt man schon allein an dem Fakt, dass er nicht einmal meinem Namen weiß nach einem halben Jahr, geschweige denn zurückgrüßt, sollte man ihn einmal auf dem Gelände sehen.
Eine ziemlich verkorkste Situation also. Allerdings habe ich mich damit abgefunden und lasse nun alles an mir abprallen.
Puh, nachdem ich mir das bisher geschriebene durchlese, klingt das ganz negativ und unzufrieden. Das ist natürlich nicht der Fall, es gefällt mir hier nach wie vor gut. Jeden Tag gibt es schöne Erlebnisse mit den Kindern und die gute Beziehung zu meinen Kollegen und Leidensgenossen (fast keiner versteht sich gut mit der Heimleitung) hat mir schon oft geholfen Frust abzulassen. Viel Spaß macht mir auch meine „neue“ Arbeit mit der Zahnärztin, mit der man auch gute Gespräche führen kann.
In naher Zukunft habe ich vor einige Dinge in meiner Arbeitsumgebung zu verändern, vor allem, weil ich eine kleine Geldsumme geerbt habe und ich sowieso nicht weiß, was ich mit dem Geld anfangen soll, sodass ich lieber etwas Sinnvolles hier anschaffe damit. Zwar erfüllt man sicherlich damit eine gewisse Erwartungshaltung, die aber sowieso schon an die Freiwilligen besteht, sodass es keinen Unterschied mehr macht.
Ein schöner Ausgleich zu dem Frust, der im Hogar manchmal entsteht, sind die Freunde, die ich mir in Santa Cruz erworben habe. Zum Glück alle Bolivianer, sodass ich auch mein Spanisch beträchtlich verbessern konnte und ich halbwegs zufrieden damit inzwischen bin, wenngleich auch noch viel fehlt.
Natürlich auch der Urlaub, den ich über Weihnachten und Silvester bei der Familie eines Freundes in Ecuador verbracht habe sowie das Zwischenseminar in Sucre, das eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag war.
Glücklicherweise habe ich auch gesundheitlich keine Probleme, außer einem Pilz an meinem Finger, der sich über Monate Stück für Stück immer weiter ausbreitet, was jedoch ein kleineres Übel ist.
Fazit ist also, dass es durchaus einige Dinge gibt, die mich hier stören. Fakt ist aber auch, dass ich zum Glück nicht viel mit der Heimleitung und so weiter zu tun habe, sodass die Arbeit an sich mich immer noch mit Befriedigung erfüllt, weil ich einfach sehe, dass ich nützlich bin und auch gebraucht werde. Ausgleich zu dem wenigen Ärger gibt es also genügend, sodass die Zeit für mich wie im Flug verfliegt.
Ich hoffe, ich konnte einen Einblick geben, wie es mir geht. Bei der Gelegenheit möchte ich noch einmal auf meinem Blog hinweisen, wo man vielleicht noch ein bisschen mehr erfahren kann und wo ich mehr oder weniger regelmäßig berichte (www.johanneskraus.twoday.net) und sende euch herzliche Grüße aus der Panadería des Hogar Teresa de los Andes in Cotoca!
Johannes
Da ich euch aber nicht vorenthalten will, wie es mir so geht, poste ich hier einfach mal den 2. Zwischenbericht, den ich an meine Organisation verfasst habe. Ich hoffe, ich kann euch so einen guten Einblick geben!
Cotoca, 3. März 2013
Hallo ihr Lieben!
Kaum zu glauben! Es ist Halbzeit meines Freiwilligendienstes hier im Hogar Teresa de los Andes und wohl wieder (höchste Zeit) für einen Zwischenbericht von mir.
Was sind die neuesten Entwicklungen in meinem Leben hier in Bolivien und was hat sich verändert in den letzten drei Monaten? Eigentlich nicht viel, wenn man genauer darüber nachdenkt, aber vielleicht genau durch diesen Fakt hat sich das Gefühl bei mir eingestellt, dass ich angekommen bin und mehr oder weniger Alltag in meinem Leben eingekehrt ist. Das heißt geistig bin ich momentan einfach sehr weit von Deutschland entfernt, mag es an Freundschaften liegen, die sich hier neu aufgetan haben, oder auch an den alltäglichen Problemen, die eben auch zu einem Alltag gehören und die einen beschäftigt halten.
In meiner Arbeit im Hogar haben sich nur einige Kleinigkeiten verändert. Nach wie vor arbeite ich im hauptsächlich im Hospital des Hogars.
Leider hat sich die Belegschaft nochmal völlig verändert, das Personalmanagement im Hogar für mich komplett nicht nachvollziehbar so wie viele Entscheidungen der Heimleitung. Zum einem haben die beiden jungen Ärztinnen, die im Hospital arbeiteten, ihr Studium abgeschlossen und somit zum Ende des vergangenen Jahres das Hogar verlassen. Etwas, was ich persönlich sehr schade fand, da ich gut mit den beiden auskam und immer gute Gespräche mit ihnen führen konnte. Zu meiner Überraschung wurden die Stellen von den beiden nicht neu besetzt, sondern unbesetzt gelassen, sodass nun nur noch eine Ärztin vormittags im Hospital anwesend ist und das auch nur montags bis freitags. Über die
Expertise und auch vor allem über die Motivation der genannten Ärztin lässt sich meiner Meinung nach auch streiten.
Aber auch meine unmittelbaren Kolleginnen wurden in andere Abteilungen versetzt, eigentlich immer ohne oder wegen nichtiger Gründe. Das hatte zur Folge, dass ich mich wieder an neue Kollegen gewöhnen musste und ich als Freiwilliger (!) die neuen Arbeiterinnen einweisen musste. Aber weil die Arbeit im Hospital doch nicht so ganz leicht ist und man doch eine gewisse Übung und Erfahrung braucht, um sich adäquat um die Kinder zu kümmern (die wie im ersten Bericht berichtet teils sehr Behinderungen haben) resultierte der ständige Wechsel der Belegschaft darin, dass ein Kind mit Osteoporose einen Leistenbruch erlitt, wahrscheinlich ausgelöst durch die unsanfte Behandlung der neuen Arbeitskräfte. Das wäre meiner Meinung vermeidbar gewesen, wenn man seitens der Leitung ein bisschen weiter vorausschauen würde. Inzwischen verstehe ich mich mit meinen Kollegen aber ebenso gut, wie mit den vorherigen.
Für deutsche Verhältnisse ebenfalls nicht nachvollziehbar ist die Handhabung der Gehaltszahlungen an die Mitarbeiter. Eigentlich wäre das Gehalt jede 15 Tage in Bargeld fällig, normalerweise verzögert sich die Zahlung jedoch immer um einige Tage, diesen Monat zehn Tage. Für die Mitarbeiterinnen, die Familien zu versorgen haben und keine Ersparnisse haben, eine mittlere Katastrophe. Angeblich hatte das Hogar selbst Geldnöte, jedoch zeigt meiner Meinung nach das Verhalten der Heimleitung nur allzu deutlich, dass die einfachen Arbeiterinnen einfach ganz unten in der Hierarchie stehen und auf deren Belange überhaupt nicht eingegangen wird. Aber natürlich lässt sich auch nicht der Fakt verleugnen, dass einfach hier sehr viel Geld fehlt.
Während ich bisher vormittags immer in der Phonoaudiologia geholfen habe, diese Arbeit aber nie als befriedigend empfunden habe, habe ich selbstständig zur Zahnärztin gewechselt und helfe ihr seit einigen Wochen. Eine Arbeit, die meiner Meinung nach sehr viel sinnvoller ist, da die Zahnärztin ohne eine Person, die Kinder festhält und fixiert, die mit einer Behandlung nicht einverstanden sind, völlig aufgeschmissen ist und diese Kinder eigentlich gar nicht behandeln kann. Sozusagen bin ich nun in die Rolle der Zahnarzthelferin geschlupft, zum Beispiel hole ich die Kinder von ihren Pabellones ab, reiche Instrumente, sauge den Speichel ab. Etwas, was mir eigentlich ziemlich zusagt, weil es bedeutend abwechslungsreicher ist als stundenlang Gesichter zu massieren, ohne einen Effekt zu sehen. Ansonsten habe ich meinen Tagesablauf aber nicht verändert.
Durch den Wechsel komme ich auf noch mehr Stunden als bisher. Normalerweise arbeite ich von sieben Uhr bis ein Uhr, mit einer halben Stunde Pause. Nach einer Stunde Mittagspause geht es dann weiter, von zwei Uhr bis sechs Uhr, wieder mit einer halben Stunde Pause. Vor allem auch durch die körperliche Arbeit also ein anstrengender Tag, aber ich arbeite gerne. Am Samstag arbeite ich weiterhin bis zum Mittag. Ich komme also auf weitaus mehr Stunden, die im Vertrag so genannt werden.
Da die Mitarbeiter aber mitbekommen haben, dass ich mich vor keiner Arbeit drücke und gerne auch noch mal ein bisschen länger helfe, wird das auch gerne ausgenützt. Verbunden mit der Heimleitung, die sich wirklich nicht gut um ihre Freiwillige kümmert, hat das bisweilen bei mir für Frustration gesorgt in den letzten Wochen. Es kam schon so weit, dass der Hausmeister, der am Sonntag im Hospital aushelfen sollte, also mein freier Tag im Hospital, am Morgen um sieben Uhr an der Tür geklopft hat und mit einer schlechten Arbeit mir meine Arbeit aufgedrückt hat.
Leider bin ich nicht gut im Nein sagen, sodass ich mich einmal überreden lassen habe. Ab und zu wird die, für meinen Geschmack eh viel zu kurze Mittagspause, unsanft unterbrochen.
Allgemein wissen die Leute hier nur allzu gut, wie man die netten Freiwilligen ausnützt. Dazu passt auch der Fakt, dass aus unserem Zimmer unsere beiden Kameras verschwunden sind, davor waren auch schon bisweilen Lebensmittel aus unserem Kühlschrank verschwunden sind, den wir leider nicht in einen abschließbaren Raum stellen können. Ich habe den Nachtwächter im Verdacht, der wohl die Chance genutzt hat, als wir nachts unterwegs waren und einmal unser Zimmer nicht abgesperrt hatten, und lange Finger gemacht hat. Komischerweise kann er sich seitdem auch haufenweise Zigaretten leisten, aber natürlich gibt es keinen Beweis dafür. Das sind Dinge, die das Wohlbefinden nicht gerade fördern.
Ein weiter Aspekt auf den ich unbedingt noch eingehen muss, ist unsere Beziehung zur Heimleitung, die eigentlich nicht existiert und, wenn wir doch einmal Kontakt haben sollten, grausig ist. Ein Problem, das uns beschäftigt, ist der Fakt, dass wir ständig von einem Zimmer im Hogar in ein anderes Zimmer umziehen müssen. Mit nunmehr vier Umzügen in sechs Monaten sorgt das für Unmut. Vor allem, dass sich natürlich keiner dazu berufen gefühlt hat uns beim Möbelschleppen in der prallen Sonne zu helfen. Momentan „hausen“ wir zusammen in einem Zimmer in der ehemaligen Bäckerei des Hogars, das leider eine undichte Decke hat und nachts hört man leider verdächtige Krabbelgeräusche, was ich einfach nicht ganz in Ordnung finde, wenn man bedenkt, dass ich hart arbeite, viel Zeit opfere und mir wirklich Mühe gebe.
Ein anderes Problem ist der Fakt, dass der Hermano darauf besteht, dass wir um zehn Uhr abends immer wieder im Hogar zurück sind, mit der Begründung, dass er für uns verantwortlich ist. Abgesehen davon, dass ich noch nicht viel von seiner Verantwortung gegenüber uns gemerkt habe, reichen vier Stunden Freizeit pro Tag einfach nicht aus. Beispielsweise haben wir einmal pro Woche schon immer Spanischkurs bis zehn Uhr in Santa Cruz, was es uns unmöglich macht pünktlich zu kommen. Es kam vor, dass wir nur eine halbe Stunde zu spät kamen, und der Nachtwächter uns nicht mehr in das Hogar lassen wollte und uns eine halbe Stunde draußen warten ließ. Da alle Dialogversuche gescheitert sind, steigen wir nun immer an einer abgelegenen Stelle über die Mauer, sollten wir mal ausgehen und später zurückkommen. Natürlich keine gute Lösung, aber es scheint einfach aussichtslos einen Kompromiss mit dem Hermano zu finden. Das merkt man schon allein an dem Fakt, dass er nicht einmal meinem Namen weiß nach einem halben Jahr, geschweige denn zurückgrüßt, sollte man ihn einmal auf dem Gelände sehen.
Eine ziemlich verkorkste Situation also. Allerdings habe ich mich damit abgefunden und lasse nun alles an mir abprallen.
Puh, nachdem ich mir das bisher geschriebene durchlese, klingt das ganz negativ und unzufrieden. Das ist natürlich nicht der Fall, es gefällt mir hier nach wie vor gut. Jeden Tag gibt es schöne Erlebnisse mit den Kindern und die gute Beziehung zu meinen Kollegen und Leidensgenossen (fast keiner versteht sich gut mit der Heimleitung) hat mir schon oft geholfen Frust abzulassen. Viel Spaß macht mir auch meine „neue“ Arbeit mit der Zahnärztin, mit der man auch gute Gespräche führen kann.
In naher Zukunft habe ich vor einige Dinge in meiner Arbeitsumgebung zu verändern, vor allem, weil ich eine kleine Geldsumme geerbt habe und ich sowieso nicht weiß, was ich mit dem Geld anfangen soll, sodass ich lieber etwas Sinnvolles hier anschaffe damit. Zwar erfüllt man sicherlich damit eine gewisse Erwartungshaltung, die aber sowieso schon an die Freiwilligen besteht, sodass es keinen Unterschied mehr macht.
Ein schöner Ausgleich zu dem Frust, der im Hogar manchmal entsteht, sind die Freunde, die ich mir in Santa Cruz erworben habe. Zum Glück alle Bolivianer, sodass ich auch mein Spanisch beträchtlich verbessern konnte und ich halbwegs zufrieden damit inzwischen bin, wenngleich auch noch viel fehlt.
Natürlich auch der Urlaub, den ich über Weihnachten und Silvester bei der Familie eines Freundes in Ecuador verbracht habe sowie das Zwischenseminar in Sucre, das eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag war.
Glücklicherweise habe ich auch gesundheitlich keine Probleme, außer einem Pilz an meinem Finger, der sich über Monate Stück für Stück immer weiter ausbreitet, was jedoch ein kleineres Übel ist.
Fazit ist also, dass es durchaus einige Dinge gibt, die mich hier stören. Fakt ist aber auch, dass ich zum Glück nicht viel mit der Heimleitung und so weiter zu tun habe, sodass die Arbeit an sich mich immer noch mit Befriedigung erfüllt, weil ich einfach sehe, dass ich nützlich bin und auch gebraucht werde. Ausgleich zu dem wenigen Ärger gibt es also genügend, sodass die Zeit für mich wie im Flug verfliegt.
Ich hoffe, ich konnte einen Einblick geben, wie es mir geht. Bei der Gelegenheit möchte ich noch einmal auf meinem Blog hinweisen, wo man vielleicht noch ein bisschen mehr erfahren kann und wo ich mehr oder weniger regelmäßig berichte (www.johanneskraus.twoday.net) und sende euch herzliche Grüße aus der Panadería des Hogar Teresa de los Andes in Cotoca!
Johannes
Unfurl - 30. Mär, 02:36